Ein neues Pilotprojekt in Niedersachsen hat erfolgreich die Umwandlung von Abwasserströmen in wiederverwertbare Düngemittelkomponenten etabliert. Dieses Projekt ermöglicht Betreibern von Biogasanlagen, die strengen europäischen Düngeverordnungen einzuhalten und gleichzeitig wirtschaftliche Vorteile aus den zurückgewonnenen Nährstoffen, speziell Stickstoff und Phosphor, zu realisieren.
NPHarvest, ein finnisches Cleantech-Unternehmen, hat dafür eine innovative Pilotanlage bei der Biogas Westerbakum GmbH & Co. KG in Niedersachsen in Betrieb genommen. Diese Anlage ist für einen Betriebszeitraum von vier Monaten ausgelegt und verarbeitet täglich etwa 20 Kubikmeter flüssigen Gärrests, ein nährstoffreiches Nebenprodukt der Biogasproduktion. Ziel ist es, bis zu 26 Tonnen Nährstoffe pro Jahr zurückzugewinnen, was es den Betreibern ermöglicht, Gärreste von einem Kostenfaktor in vermarktbare Ressourcen umzuwandeln.
Angesichts der verschärften Düngeverordnungen in Deutschland und der EU zeigt NPHarvest auf, wie Biogasbetriebe sowohl ihre Compliance als auch die Effizienz ihrer Anlagen steigern können. Die Pilotanlage wurde am 10. März 2026 in Betrieb genommen. Im ersten Monat wurde der Betrieb durch digitale Betriebsdaten und regelmäßige Laboranalysen überwacht, um die Ergebnisse zu validieren. Diese Analysen wurden an ein externes Labor in Oldenburg weitergeleitet, das die internen Ergebnisse bestätigte.
Die Nitratrichtlinie der EU begrenzt die Ausbringung von Stickstoff in nitratbelasteten Gebieten auf 170 kg pro Hektar und Jahr, und Deutschland hat zusätzlich strenge Vorschriften für Düngemittel eingeführt. Diese Gesetze sollen Nährstoffüberschüsse und hohe Nitratgehalte im Grundwasser reduzieren. Mit mehr als 9.700 Biogasanlagen im Bundesgebiet ist der Sektor von den zunehmenden Beschränkungen bei der Ausbringung von Gärresten und steigenden Transportkosten betroffen, was die Wirtschaftlichkeit des Nährstoffmanagements beeinflusst.
Die Märkte für Düngemittel bleiben volatil, während die Nachfrage nach lokal produzierten Düngemitteln steigt. Durch die direkte Rückgewinnung von Stickstoff und Phosphor aus den Biogas-Nebenströmen bietet NPHarvest den Betreibern die Möglichkeit, Überschüsse zu reduzieren und gleichzeitig ein vermarktbares Produkt aus einem Material zu schaffen, das früher als regulatorische Belastung galt. Dr. Juho Uzkurt Kaljunen, CEO von NPHarvest, betont, dass Biogasanlagen primär auf die Erzeugung erneuerbarer Energie ausgelegt sind. Die nährstoffreichen Nebenströme blieben jedoch bislang weitgehend ungenutzt.
Er sieht die Nährstoffrückgewinnung als einen entscheidenden Schritt zur Weiterentwicklung des Sektors, der es den Betreibern ermöglicht, ihre Leistung zu steigern, ohne zusätzliche Flächen zu beanspruchen. Deutschland könnte durch die Integration von Nährstoffrückgewinnung in bestehende Infrastrukturen eine Vorreiterrolle in Europa einnehmen und damit eine Phase einleiten, in der Energieerzeugung und Ressourceneffizienz Hand in Hand gehen.
Im Gegensatz zu vielen traditionellen Verfahren, die energieintensive Abtrennungsverfahren oder lange Transportwege erfordern, nutzt NPHarvest ein membrangestütztes Verfahren zur Nährstoffrückgewinnung. Diese Technologie ermöglicht es, Stickstoff und Phosphor mit minimalem Energieaufwand und einfacher Dosierung zu gewinnen, was die modulare Integration in bestehende Anlagen erleichtert. Laut NPHarvest kann die Technologie bis zu 90 % des Stickstoffs und Phosphors aus flüssigen Abfallströmen erfassen und in Düngemittelkomponenten wie Ammoniumsulfat und Calciumphosphat umwandeln.
Die ersten Wochen des Betriebs haben die Zuverlässigkeit der Anlage unter realen Bedingungen bestätigt und die modulare Integration in bestehende Biogasinfrastrukturen unterstrichen. Das System wird als Plug-in für bestehende Anlagen angeboten, ohne den laufenden Betrieb zu stören. Milan Hofmann, Geschäftsführer bei Varea Water, dem regionalen Projektentwickler von NPHarvest, berichtet von starkem Interesse seitens Anlagenbetreiber und anderen Akteuren, die in der Nährstoffrückgewinnung eine praktikable Lösung für wachsende Herausforderungen im Biogassektor sehen.
Die Pilotanlage in Niedersachsen baut auf dem Erfolg einer industriellen Demonstrationsanlage in Ankara, Türkei, auf, wo das System seine Leistungsfähigkeit unter Beweis stellte. NPHarvest hat zu Beginn des Jahres eine Finanzierung in Höhe von 2,2 Millionen Euro von Investoren, einschließlich des finnischen Umweltministeriums, erhalten. Zudem kam eine weitere Förderung von bis zu 1,2 Millionen Euro aus dem Deep Tech Accelerator-Programm von Business Finland hinzu. Vor diesem Hintergrund und mit wachsender Nachfrage nach lokalen Rückgewinnungslösungen erweitert NPHarvest seine Aktivitäten in wichtigen europäischen Biogasmärkten.
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